Der Thymonaut

Die Zeit

US-Forscher behaupten, neun Menschen verjüngt zu haben. Ein Teilnehmer des Versuchs aus San Francisco berichtet, welche Erfahrungen er bei dem waghalsigen Experiment an einem kleinen Organ, der Thymusdrüse, gemacht hat.

Es ist eine Nachricht, so sensationell, dass man misstrauisch wird. Ein Team aus Forschern will das Altern besiegt haben: An neun Männern testeten sie einen Mix aus Medikamenten, die eine Drüse – den Thymus – zum Wachstum anregt. Normalerweise verkümmert die mit dem Alter. Stimmt, was in der noch unveröffentlichten Studie steht, gelang es, sie zu reaktivieren. Der Effekt: Die Männer waren hinterher körperlich jünger als auf dem Papier. Unser Reporter Christoph Drösser hat einen der Versuchsteilnehmer in San Francisco gesprochen.

DIE ZEIT: Herr Pellissier, wie sind Sie auf die Verjüngungsstudie aufmerksam geworden?

Hank Pellissier: Rund um San Francisco gibt es eine ganze Menge von Seminaren und Konferenzen über Anti-Aging. Ein Freund hörte bei einem dieser Meetings, dass Greg Fahy von der Biotech-Firma Intervene Immune Probanden suchte, also habe ich Greg kontaktiert. Der meinte, ich sei mit meinen 65 Jahren der perfekte Kandidat für das Experiment.

ZEIT: Haben Sie sich schon vorher mit Methoden beschäftigt, die das Leben verlängern sollen?

Pellissier: Ich versuche, mich fit zu halten, ich bin seit einiger Zeit Vegetarier, und ich verfolge die Forschungen auf diesem Gebiet. Ich bin also gern zum Versuchskaninchen in der Studie geworden.

ZEIT: Sie zählen sich auch zu den Transhumanisten. Was ist das?

Pellissier: Diese Frage beantworte ich gern mit einem Scherz: Transhumanisten sind Menschen, die ewig leben wollen und dafür bereit sind, zu Robotern zu werden. Das ist ein bisschen gemein. Transhumanisten sind an der Zukunft interessiert und daran, mit technischen Mitteln unser Leben zu verlängern, unser Gehirn zu verbessern und uns physische Fähigkeiten zu verleihen, die wir jetzt noch nicht haben.

ZEIT: Es geht also nicht nur um ein längeres Leben?

Pellissier: Überhaupt nicht. Ich habe mich zum Beispiel zunächst für die Steigerung der Denkkraft interessiert und einen Thinktank mit dem Namen Brighter Brain Institute gegründet. Es gibt auch psychedelische Transhumanisten, die wollen die Wahrnehmung der Wirklichkeit mit psychedelischen Drogen erweitern. Andere nehmen Medikamente, welche die Leistung des Gehirns verbessern sollen. Ich bekam irgendwann das Gefühl, dass Transhumanisten vor allem reiche weiße Männer sind, die 200 Jahre alt werden wollen. Deshalb habe ich einen gemeinnützigen Verein gegründet, der mit Menschen in Uganda arbeitet. Deren Traum ist es, 55 zu werden. Es kann nicht sein, dass diese Fortschritte nur Milliardären zugutekommen.

ZEIT: Haben Sie schon früher Mittel geschluckt, um fitter zu werden?

Pellissier: Ich habe auch Medikamente genommen, welche die Hirnleistung steigern sollen, bin dadurch aber nicht schlauer geworden. Ich trinke Molkenprotein und habe mit Soylent experimentiert, diesem flüssigen Nahrungsersatz.

ZEIT: Das machen viele Amerikaner.

Pellissier: Ich bin nicht so extrem wie andere aus der Lebensverlängerungsszene, die wirklich alles ausprobieren. Es ist witzig, eine Menge dieser Leute, die ewig leben wollen, halten sich nicht fit und ernähren sich nicht vernünftig. Auf einer dieser Anti-Aging-Konferenzen hat jemand in der Pause Pizza bestellt, das fand ich verrückt. Meine Familie ist sehr aktiv. Sport treiben und auf die Ernährung achten, das sind praktische Ratschläge, die jeder befolgen sollte. Aber für viele Transhumanisten ist das wohl zu langweilig.

ZEIT: Wie hat man Ihnen die Teilnahme an der Studie schmackhaft gemacht?

Pellissier: Man hat uns erklärt, dass die Thymusdrüse mit dem Alter immer kleiner wird. Greg sprach von dem legendären Bodybuilder Jack LaLanne, der im Alter von 96 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben ist. Sein Immunsystem sei aufgrund des Alters zu schwach gewesen. Durch die Behandlung werde die Thymusdrüse wieder stark genug, sodass man nicht mehr an solchen Infektionen sterbe. Meine Großmutter ist an einer Lungenentzündung gestorben, und deshalb dachte ich, dass es eine gute Idee wäre. So wurde ich einer der neun Thymonauten, so hat Greg uns genannt. Er hat uns sogar T-Shirts mit diesem Schriftzug gemacht.

ZEIT: Man hat Ihnen aber nicht versprochen, Ihre Lebensuhr zurückzudrehen?Der exklusive Newsletter für AbonnentenWir empfehlen Ihnen per E-Mail die besten Artikel aus Ihrem Abonnement.Wie oft möchten Sie den Newsletter erhalten? Am Wochenende  Täglich

Pellissier: Nein, es ging nur um diese Thymusdrüse. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass ich eine hatte.

„Es gab keinen Wow-Moment, die Wirkung setzte allmählich ein“

ZEIT: Sie haben also nicht aus Panik vor dem Altern an der Studie teilgenommen?

Pellissier: Nein, eigentlich fühle ich mich nicht sehr alt.

ZEIT: Wie sah die Behandlung aus?

Pellissier: Wir mussten uns das Mittel selbst in die Fettpolster an der Hüfte spritzen, etwa dreimal pro Woche. An bestimmten Tagen durften wir keinen Sex haben oder keinen Alkohol trinken. Aber ich trinke sowieso nicht. Einmal hatte ich aus Versehen verbotenen Sex. Ich habe mich bei Greg entschuldigt, doch der sagte nur: Kein Problem, tu es nicht wieder. Ich habe dann ein bisschen über dieses Wachstumshormon gelesen, das in dem Mittel enthalten war. Aber ich bin kein Wissenschaftler.

ZEIT: Wann haben Sie gemerkt, dass sich etwas verändert?

Pellissier: Es gab keinen Wow-Moment, die Wirkung setzte allmählich ein. Meine Frau und meine Töchter würden vielleicht sagen, dass ich reizbarer geworden sei, aber das glaube ich nicht. Ich hatte damit gerechnet, dass ich vielleicht mehr Erektionen und nächtliche Ergüsse bekommen würde, so wie ein Teenager. Aber das ist nicht passiert, ich hatte auch nicht irgendwie mehr Lust auf Sex oder so. Das hat mich eigentlich erleichtert, ich bin zufrieden mit meiner Sexualität, so wie sie ist.

ZEIT: Haben Sie sich äußerlich verändert?

Pellissier: Ja, das ist zuerst meiner Mutter aufgefallen. Sie sah mich an und sagte: Dir wachsen wieder braune Haare! Mein Haar ist eigentlich grau. Ich schaute in den Spiegel und sah, dass auf diesem kahlen Fleck auf meinem Kopf wieder braune Haare sprossen. Außerdem war meine Glatze plötzlich kleiner, als sie vor zehn Jahren gewesen war, ich kann das mit Fotos belegen. Und ich wurde kräftiger, das war toll. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio, deshalb kann ich sehr leicht meine Fortschritte nachvollziehen. Und ich kann sagen, dass meine Kraft durchweg um 10 bis 25 Prozent zugenommen hat. Besonders bei dieser Übung, bei der man auf dem Rücken auf einer Bank liegt und Gewichte mit den Händen nach oben stemmt, da schaffte ich plötzlich 40 Kilo mit jedem Arm, vor und nach der Behandlung waren es dagegen nur 27. Ich habe vier Kilo zugenommen, und das waren vier Kilo Muskelmasse.

ZEIT: Das lag nicht daran, dass Sie einfach mehr trainiert haben?

Pellissier: Nein, ich habe genauso viel trainiert, auch nachher, und meine Kraft ging dann wieder zurück. Die vermisse ich ein bisschen.

ZEIT: Was passierte mit Ihrem Körperfett?

Pellissier: Ich habe praktisch mein gesamtes Bauchfett verloren. Es wurde sogar eine kleine Beule sichtbar, die ich zunächst für einen Leistenbruch hielt. Aber mein Arzt sagte mir, das sei ein Plug, eine Art Stöpsel aus einer früheren Leistenbruchoperation, den man gewöhnlich nicht sieht, weil er von Fettpolstern verdeckt wird.

ZEIT: Hat sich die Behandlung auch auf Ihre Psyche ausgewirkt?

Pellissier: Es ist mir mehrmals passiert, dass ich im Supermarkt Musik hörte und von deren Schönheit so überwältigt wurde, dass ich spontan weinen musste. Ich kannte die Lieder, aber ich hatte sie noch nie so tief erfahren. Eins davon war Cyndi Laupers Time After Time. Ich kriege jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ein anderer Song war Good Vibrations von den Beach Boys. Meine Töchter sagen auch, dass ich im Kino häufiger geweint hätte. Ich war schon vorher nah am Wasser gebaut, aber ihrer Meinung nach wurde ich zu einer richtigen Heulsuse. Das hörte auf, als die Behandlung zu Ende war. Ich weine jetzt nicht mehr beim Einkaufen und im Kino.

ZEIT: Glaubt man den Ergebnissen der Studie, dann ist Ihr biologisches Alter durch die Behandlung um zweieinhalb Jahre gesunken. Haben Ihre Freunde und Verwandten Ihnen gesagt, Sie sähen jetzt jünger aus?

Pellissier: Meine Frau und meine Töchter nicht. Aber einer meiner Brüder war so beeindruckt, dass er an dem Programm teilnehmen möchte. Meine Schwester will ihren Ehemann dazu bewegen. Und sogar meine 91-jährige Mutter möchte jetzt mitmachen – aber sie ist wahrscheinlich ein bisschen zu alt dafür.