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„Wiedererkennen ist Wohlbefinden“

Die Zeit

Der Komponist und Sänger Udo Jürgens erklärt, wie seine Lieder funktionieren – und warum ihm selbst noch beim 100. Konzert die Tränen kommen.

DIE ZEIT: Herr Jürgens, hat Lena den Eurovision Song Contest verdient gewonnen?

Udo Jürgens: Ein Mädchen wie die hätte das Telefonbuch singen können. Ihre Ausstrahlung an diesen Tagen war einfach überwältigend, da kam es nur darauf an, wie sie gelächelt hat, wie sie rauskam, dass der Rhythmus gestimmt hat und dass sie sich so wunderbar zickig bewegt hat.

ZEIT: Sie waren sogar jünger als Lena, als Sie Ihren ersten Grand Prix gewonnen haben. Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Udo damals und Lena heute?

Jürgens: Wir haben damals tollen Musikern aus Frankreich und Italien nachgeeifert. Bei meinem Lied Je t’aime war gleich der erste Akkord ein verminderter – vollkommener Schwachsinn, da muss man erst mal drauf kommen! Ich habe gedacht, ich muss gleich zeigen: Ich verstehe was von Musik. Heute kehrt man Schritt für Schritt zur Infantilität zurück. Die Lieder haben immer weniger Harmonien, Rap-Songs haben zum großen Teil nur noch eine Harmonie. Nur noch einen Groove, der wird aus der Maschine geholt, dann lege ich so einen Jazzakkord drüber, und dazu redet einer. Und ein Mädchen macht uuuuuh. Ich bin ein Anhänger des Quintenzirkels

„Ich bin ein Architekt der Emotionen“

Zeit Online

Filmmusik-Komponisten brauchen Verstand und Gefühl. Andreas Weidinger erklärt seine Arbeit und warum es großen Spaß macht, kitschige Fernsehschmonzetten zu vertonen.

ZEIT ONLINE: Herr Weidinger, müssen Sie einen Film gut finden, den Sie vertonen?

Andreas Weidinger: Man kann es vielleicht so sagen: Ich bin als Komponist zusammen mit ein paar anderen so etwas wie der Architekt der Emotionen, und in dieser Hinsicht gibt es eine klare handwerkliche Seite. Ich bin Auftragskomponist. Ich habe einen Auftrag zu erfüllen, den mir der Film gibt, ich habe aber auch einen Auftrag zu erfüllen, den mir mein Auftraggeber gibt, und der ist oft durch Marktforschung oder Quotendiskussionen bestimmt. Da muss man sich keine Illusionen machen.

ZEIT ONLINE: Sie vertonen vorwiegend die – mit Verlaub – kitschigen Melodramen, die sonntagsabends im ZDF laufen.

Weidinger: Ich mache auch sehr viele andere Filme, aber im vergangenen Jahr habe ich einige dieser Produktionen gemacht, das stimmt. Ich muss gestehen, dass mir das auch viel Spaß macht, weil da die Stärken, die Musik in einen Film einbringen kann, wirklich genutzt werden

Froher Schall

Die Zeit

In deutschen Wohnzimmern wird immer weniger gesungen, auch an Weihnachten. Dabei ist das gemeinsame Singen gesund für Körper und Geist.

Durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah…« – bloß, wer tönt da? Unter deutschen Weihnachtsbäumen dominiert die Klangkonserve. Drei von fünf Bundesbürgern lassen sich an den Feiertagen mit Weihnachtsliedern von der CD beschallen. Demgegenüber singt nur ein Fünftel selbst Weihnachtslieder, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ears and Eyes.

Und Hand aufs Herz: Wer ist schon noch textsicher in der dritten Strophe von Stille Nacht oder Süßer die Glocken nie klingen? Ganz zu schweigen von weniger präsenten, aber wunderschönen Weihnachtsliedern wie Maria durch ein Dornwald ging oder Tochter Zion? Selten sind Familien geworden, in denen es an Weihnachten ohne Gesang keine Geschenke gibt. Selbst wenn sie wollten, könnten die Generationen kaum noch zusammen singen, weil Alt und Jung kein gemeinsames Repertoire mehr haben. Und so allgegenwärtig jahreszeitliche Musik in den Wochen vor Weihnachten aus den Radios und durch die Geschäfte tönt – Singen unterm Weihnachtsbaum, das hat für viele einen arg spießigen Beigeschmack.

Doch all den Nichtsängern entgeht dabei einiges 

Dazu ein Interview mit dem Politiker und Chorsänger Henning Scherf:

»Riesenhilfe für Zunge, Kopf und Seele«

Immer die erste Geige

Die Zeit

Stefan Koelsch untersucht den Sinn für Musik. Der Forscher weiß: Jeder Mensch hat ihn. Er steckt in unserem Kopf.

Stefan Koelsch ist zufrieden. »Das ist gut gelaufen für mich«, sagt er beim Frühstück in einem Hotel in Montreal. Hinter ihm liegen drei Tage Konferenz, er hat ein gewaltiges Schlafdefizit angehäuft. Aber auch an diesem Morgen wirkt er wie aus dem Ei gepellt, das Haar akkurat gescheitelt. Nur die Antworten kommen nicht ganz so aus der Pistole geschossen wie sonst.

Auf der »Neuromusic«-Konferenz ging es um Hirnforschung und Musik, zu dem Symposium lädt alle drei Jahre die italienische Mariani-Stiftung ein. Die Frage, welche Rolle Musik in unserem Gehirn spielt, ist ein heißes Forschungsthema, es verspricht nicht nur grundsätzliche Erkenntnisse über unsere Kognition, sondern auch konkrete Therapien, etwa für Schlaganfallpatienten. Die Szene ist klein, man kennt sich, etwa 300 Zuhörer haben den Weg in die kanadische Stadt gefunden. Natürlich hat auch Stefan Koelsch einen Vortrag gehalten, aber was ihm wichtiger ist: Fast jeder hat irgendeine Arbeit von »Koelsch et al.« zitiert, er ist ein begehrter Koautor für aktuelle Veröffentlichungen. Vor der Tagung hatte er gewarnt, es werde schwer sein, »im Trubel der Konferenz eine ruhige Stunde zu finden«. Der 39-Jährige ist ein wandelndes Netzwerk, zumindest nach der Papierform ist Koelsch einsame Spitze auf seinem Gebiet – und das, obwohl er erst vor ein paar Jahren sozusagen quer in diese Forschung eingestiegen ist

Zu schräg für unser Gehirn

Die Zeit

Neue Musik ist anstrengend. Neuro- und Musikwissenschaftler erforschen, warum die Klänge von Schönberg, Stockhausen und Cage nur eine Minderheit begeistern.

Wird er annehmen oder nicht? Diese Frage treibt die Mathematiker in aller Welt in diesen Tagen um, und sie gilt dem Russen Grigorij Perelman. Ihm hat die amerikanische Clay Foundation in der vorvergangenen Woche eine Million Dollar für die Lösung eines der sieben schwierigsten Matheprobleme zugesprochen – und der Geehrte bat sich eine (nicht befristete) Bedenkzeit aus.

Ein großes Medienecho folgte, wie vor vier Jahren, als Perelman die Fields-Medaille, den „Nobelpreis der Mathematik“, ablehnte. Ihn eigen zu nennen, wäre kaum übertrieben: Ein akademischer Eremit mit wallendem Haar, persönlichen Macken und offenbar frei von Geltungsdrang – was für eine schöne Geschichte! Jetzt wird sie weiter gesponnen. Entzieht er sich dem Lockruf des Geldes?

Lets rock!

Die Zeit

Warum hat der Mensch die Musik erfunden? Bot sie ihm evolutionäre Vorteile? Drei Theorien versuchen, ihren Ursprung zu erklären.

Unsere unmittelbaren Verwandten, die Menschenaffen, sind denkbar unmusikalische Gesellen. Schon anatomisch sind sie aufgrund ihres Stimmapparates nicht in der Lage, »saubere« Töne zu erzeugen. Schimpansen, Gorillas und Bonobos äußern sich nur mit hechelnden und knarzenden Lauten sowie spitzen Schreien.

Unsere musikalischen Fähigkeiten müssen also nach jener Zeit entstanden sein, in der sich aus dem gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse zwei separate Stammeslinien entwickelten – das war vor fünf Millionen Jahren. Die Urmenschen stiegen von den Bäumen, begannen aufrecht zu gehen, bekamen größere Gehirne. Und irgendwann begannen sie zu singen, später dann einfache Musikinstrumente zu schnitzen. Aber wann war das? Und vor allem – warum taten sie das? Welchen evolutionären Vorteil brachte ihnen die Musik?

Schon Charles Darwin grübelte darüber nach, warum sich die Musik entwickelt hat

Der unaufhaltsame Fehler

Die Zeit

Virtuose Pianisten vollbringen sensorische und motorische Meisterleistungen. Das Erstaunliche: Das Gehirn sieht Fehler kommen, kann sie aber nicht mehr verhindern

Was geschieht im Gehirn eines Pianisten, wenn er sich verspielt? Wann bemerkt er überhaupt, dass er danebengegriffen hat? Das wollten María Herrojo Ruiz und Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover wissen, und sie holten sich dazu 19 Pianisten ins Labor. Ihr erstaunliches Ergebnis, das gerade von der Zeitschrift Cerebral Cortex vorab online veröffentlicht wurde: Das Gehirn bemerkt den Fehler schon, bevor er passiert – und muss dem Geschehen hilflos zusehen, weil keine Zeit mehr zur Korrektur ist