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Jeder sein eigener Gutenberg

Die Zeit

Mit dem Computer ins Schlaraffenland der Schrifttypen: Ästheten wird schlecht dabei.

Jeden Morgen bringt der Briefträger mir unfreiwillige Bilderrätsel ins Haus. Eine Hochschule hat zu vermelden, daß Professor Hinterhuber einen Ruf nach Clausthal-Zellerfeld erhalten hat – und tut das in der Aufmachung eines Boulevard-Blattes. Ein Freund gibt seine Vermählung bekannt – und die Einladung sieht aus wie eine Todesanzeige. Die Gewerkschaft verschickt ihre Mitgliederzeitung – sie gleicht einem vierfarbig gedruckten Zeitgeist-Magazin.

Jedermann kann heute am heimischen Computer Drucksachen produzieren, und immer mehr Menschen machen Gebrauch davon. Die grotesken Fehlgriffe in den elektronischen Setzkasten sind nur eine Facette der technischen Umwälzung, die im Druck- und Schriftgewerbe stattgefunden hat. Eine Umwälzung mit historischen Dimensionen: „Die Erfindung von Steven Jobs ist nur mit der von Johannes Gutenberg zu vergleichen“, meint Stefan Rögener, Herausgeber des Typographie-Fachblattes Hamburger Satzspiegel

Traumwandler im All

Die Zeit

Probleme mit dem Shuttle, Mißwirtschaft, Zweifel am Sinn der bemannten Raumfahrt – die Nasa ist vom Symbol des Fortschritts zur nationalen Peinlichkeit geworden.

Das National Air and Space Museum in Washington erfreut sich großer Beliebtheit. Mehr als sieben Millionen Besucher nutzen jährlich die Chance, einmal ein Stück Mondgestein anfassen zu können, die echte Apollo-11-Mondfähre in Augenschein zu nehmen oder „Astronaut Ice Cream“ aus Alu-Beutelchen zu schlürfen. Höhepunkt für jede Schulklasse ist ein Besuch des hauseigenen Kinosaals, in dem auf einer riesigen Leinwand die mit einer großformatigen Imax-Kamera gedrehten Nasa-Filme zu sehen sind.

Einer davon trägt den Titel „The Dream Is Alive“ – „Der Traum lebt“. Er wurde an Bord des Space Shuttle Challenger gedreht und zeigt Einsätze der Astronauten-Crews im All, etwa die Bergung und Reparatur des defekten Satelliten Solar Max im Jahr 1984. Während der Pilot Francis Scobee zu gravitätischer Multikanal-Stereomusik schwerelos durch die Raumfähre schwebt, wartet der Betrachter auf einen Hinweis, daß Scobee zu jenen sieben Astronauten gehörte, die keine zwei Jahre später bei der Explosion desselben Raumschiffs ihr Leben verloren haben.

Aber der Hinweis bleibt aus. Muß ausbleiben, denn der Film wird bis heute in der Originalversion von 1985 gezeigt. Die Challenger-Katastrophe hat in diesem Nasa-Streifen nicht stattgefunden; die sich anschließende zweieinhalb jährige Diskussion über die Risiken der Raumfähre ebenfalls nicht. Das Space Shuttle fliegt wieder, und mit ihm erleben die atemberaubend photographierten Propagandafilme der amerikanischen Raumfahrtbehörde ihre Renaissance. Die Astronauten der Challenger sind tot – aber der Traum lebt