Ich ist jemand anderes

Die Zeit, 27.9.17

Viermal ließ unser Autor seine Persönlichkeit analysieren – mit Hilfe verschiedener Psychotests. Demnach ist er neurotisch und offen zugleich. Kann das sein?

„Sie wissen alles über uns!“ An solche Sprüche haben wir uns gewöhnt. Und wir bemerken die Anzeichen: Wenn die Werbung für ein Produkt uns durch das Internet verfolgt, selbst wenn wir die Ware schon gekauft haben. Wenn auf Googles Stadtplan Restaurants hervorgehoben werden, in denen wir vor Monaten gegessen haben und von denen wir Google nichts erzählt haben. Wenn Amazon uns sagt, was wir kaufen oder lesen sollten, weil es glaubt, unseren Geschmack zu kennen.

Das Geschäftsmodell der Online-Händler bedient sich äußerlicher Aspekte einer Person – was ich kaufe, welche Orte ich besuche. Ich nehme es achselzuckend hin, auf Schritt und Tritt von den digitalen Diensten verfolgt zu werden. In mich hineingucken aber können die ungebetenen Helfer zum Glück nicht. Die Gedanken sind frei. Meine Gefühle und Stimmungen gehören immer noch mir selbst, bleiben vor anderen verborgen. Oder doch nicht?

Unser Denken ist längst sichtbar. Es ist durchaus möglich, aus den digitalen Spuren, die wir hinterlassen, Rückschlüsse auf unser Wesen zu ziehen. Dabei geht es nicht um peinliche Partyfotos, die wir leichtsinnig auf Facebook gepostet haben, oder um einen Kommentar, mit dem wir jemandem einmal richtig die Meinung sagen wollten.

Selbst wer sich bemüht, im Netz nichts über sich zu verraten, gibt jede Menge Informationen preis. Die daraus abgeleiteten Psycho-Analysen können nicht nur dazu benutzt werden, uns noch passendere Werbung zu präsentieren. Sie beeinflussen auch unsere Chancen, einen Kredit zu bekommen oder zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie sollen dabei helfen, radikale Wichtigtuer von Terroristen zu unterscheiden. Und sie vermögen sogar, behaupten ihre Macher, potenzielle Selbstmörder online zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten

Magische Soße

Deutschlandfunk-Feature, 3.9.17

Haben Anzeigen, die auf die Psyche einzelner Wähler zugeschnitten waren, die US-Präsidentschaftswahlen entschieden? Vor einigen Monaten wurde das in Presseberichten behauptet. Auch wenn Vieles übertrieben war – die Verfahren gibt es.

Algorithmen protokollieren, wie wir uns im Netz bewegen und ziehen daraus ihre Schlüsse. Der Stanford-Forscher Michal Kosinski ist der prominenteste Vertreter der digitalen Psychometrie, mit deren Methoden wir ständig analysiert werden – auch wenn wir nichts davon merken. 

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Trump hat an der Uhr gedreht

Spiegel Online, 8.8.17

Die „Doomsday Clock“ tickt. Seit Jahrzehnten zeigen Atomforscher symbolisch, wie nah die Welt am Abgrund steht – durch Trump so nah wie seit 1953 nicht. Doch wie leicht könnte er Atomwaffen einsetzen? Antworten im Video.

Die Apokalypse war lange nicht mehr so nah wie jetzt – so zumindest sehen es US-Atomforscher. Seit 70 Jahren analysiert eine Gruppe von Wissenschaftlern die globale Sicherheitslage und gibt regelmäßig Einschätzungen heraus, wie groß die Gefahren für die Menschheit sind. Ihr Urteil wird symbolhaft auf einer Weltuntergangsuhr gezeigt – der sogenannten Doomsday Clock.

Mit der Wahl von US-Präsident Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt stellten die Forscher die Uhr um weitere 30 Sekunden vor: Der Zeiger befindet sich damit zweieinhalb Minuten vor zwölf. Das letzte Mal befand sich die Welt aus Sicht der Wissenschaftler im Jahr 1953 derart nah am Abgrund – damals hatten die USA und die Sowjetunion gerade ihre Wasserstoffbombe getestet

Hippie, hippie, yeah!

Die Zeit, 2.8.17

Eine Reise durch Kalifornien – 50 Jahre nach dem „Summer of Love“

Hier wohnten die Grateful Dead! Gegenüber die Hells Angels! Und um die Ecke Janis Joplin und der spätere Mörder Charles Manson! Während Stan Flouride, ein Punk Mitte 60 mit blondiertem Schopf und Bauchansatz, uns durch Haight-Ashbury führt, kommt er aus dem Aufzählen von Sechziger-Jahre-Legenden gar nicht mehr heraus. Der Stadtteil von San Francisco, benannt nach der Kreuzung von Haight Street und Ashbury Street, gilt als Geburtsort der Hippie-Bewegung: Er war damals ein Szeneviertel, in dem viele junge Leute und Künstler lebten.

Heute kann man hier Stans „Flower Power Walking Tour“ buchen, der ich mich angeschlossen habe. Egal, ob man wie ich in San Francisco lebt oder die Stadt als Tourist besucht: Momentan kommt man um die Hippies nicht herum. Vor 50 Jahren strömten Jugendliche aus dem ganzen Land in die Stadt, um Drogen auszuprobieren, kostenlose Konzerte im Golden Gate Park zu besuchen und die freie Liebe zu leben. Und San Francisco lässt es sich nicht nehmen, das Jubiläum des „Summer of Love“ ausgiebig zu feiern. Ausstellungen und Konzerte erinnern an ihn, überall hängen Plakate mit Schrifttypen, die aus einem LSD-Trip stammen könnten. Ich hatte mich gefragt, ob das mehr ist als Nostalgie: Ob es die Hippies von einst noch gibt? Und gibt es vielleicht neue?

Der futurologische Prozess

NZZ Folio, August 2017

Im Internet Archive in San ­Francisco wird alles gespeichert, was im Netz auftaucht und ­verschwindet – es ist eine digitale Bibliothek von Alexandria.

Das Internet vergisst nichts – der Satz könnte falscher nicht sein. Gut, manchem mag ein Bild aus vergangenen Tagen peinlich sein, das plötzlich wieder zum Vorschein kommt. Aber viel häufiger ist der Fall, dass man eine Seite aufrufen will und die berüchtigte Meldung erhält: «404 – File not found». Eine Website lebt im Durchschnitt 100 Tage, bevor sie verschwindet oder verändert wird. Das Internet ist sehr vergesslich.

Brewster Kahle kämpft dagegen, seit 1996. In jenem Jahr gründete er das Internet Archive, ein Archiv des weltweiten Netzes, das die Nutzer vor allem durch die Wayback Machine kennen: Stossen sie beim Stöbern im Netz auf die 404-Seite, dann können sie die Adresse in diese Suchmaschine der besonderen Art eingeben und vergangene Versionen der Seite abrufen, häufig mehrere. Nicht das ganze Netz, aber die unvorstellbare Zahl von einer Milliarde Websites besucht der Kriech-Algorithmus des Archivs in regelmässigen Abständen und speichert ihren Inhalt

Warum sind die meisten Studien falsch, Herr Ioannidis?

Die Zeit, 13.7.17

Der Medizinstatistiker ist der größte Kritiker halbgarer Forschung. Immer wieder rechnet er seinen Kollegen vor, wie häufig in wissenschaftlichen Studien geschlampt und getrickst wird.

„David, ich bin ein Versager.“ Mit diesen Worten beginnt ein offener Brief, den John Ioannidis an David Sackett geschrieben hat, einen der Väter der evidenzbasierten Medizin. Nun ist Sackett schon seit zwei Jahren tot, aber geschickt hatte Ioannidis ihn ja auch ans Journal of Clinical Epidemiology. Dort erschien er im vergangenen März – eine einzige Selbstgeißelung: Der Anspruch der wissenschaftlichen Medizin, ihre Erkenntnisse auf empirische, methodisch saubere Studien zu gründen, sei in den letzten zehn Jahren nicht eingelöst worden. Die Industrie habe die Wissenschaft in Geiselhaft genommen, medizinische Studien würden vor allem zu Werbezwecken eingesetzt. „Ich frage mich oft: Was für Monster haben wir da erschaffen?“, schrieb Ioannidis in der Pose des Zweifelnden, ja Verzweifelten. „Wir bejubeln Leute, die gelernt haben, Geld aufzusaugen, ihre Arbeit mit der besten PR aufzublasen, immer bombastischer und weniger selbstkritisch zu werden. Das sind die wissenschaftlichen Helden des 21. Jahrhunderts.“ Die Parallelen zur Politik sind unübersehbar. Was aber hat es mit dem drastischen Lamento auf sich? Und wer ist der Mann, der öffentlichkeitswirksam einem Toten schreibt?

Das Grundschul-Lotto

Die Zeit, 12.7.17

Ganz gerecht soll es zugehen bei der Einschulung in San Francisco – damit die Armen und die Reichen nicht unter sich bleiben. Geregelt wird das per Computer-Algorithmus. Unser Autor Christoph Drösser berichtet, was seine Familie dabei erlebt hat.

Wie sorgt man dafür, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen? In Deutschland wird neuerdings darüber diskutiert, ob man Quoten, etwa für Schüler mit Migrationshintergrund, in den Klassen einführen sollte. In den USA gibt es schon lange eine Auseinandersetzung über soziale Gerechtigkeit in den öffentlichen Schulen. Viele Städte versuchen, die wieder zunehmende Segregation zwischen Weißen, Schwarzen, Latinos und Asiaten zu bekämpfen. In der Vergangenheit wurden Schüler oft zwangsweise in weit entfernte Schulen geschickt (busing), aber Gerichte haben solche Maßnahmen eingeschränkt. Das Kriterium Rasse darf bei der Verteilung von Schülern keine Rolle mehr spielen. San Francisco versucht, die Gerechtigkeit mithilfe von Algorithmen herzustellen. In einem komplizierten Prozess berechnen sie, was Tausende Eltern jedes Jahr monatelang beschäftigt 

Diese Hits sind wirklich zeitlos

Spiegel Online, 30.6.17

Welche Hits der vergangenen Jahrzehnte werden heute wirklich noch gehört? Hören Sie rein und erkunden Sie den Wandel des Musikgeschmacks in unserem interaktiven Player.

„Schöne Maid“ von Tony Marshall, „Dance Little Bird“ (der „Ententanz“) von Electronica’s, „Die längste Single der Welt“ von Wolfgang Petry – das waren Top-Hits in Deutschland in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren. Millionen Singles wurden verkauft, aber wer hört das heute noch? Wenige Menschen, jedenfalls wenn man die Streamingzahlen der Plattform Spotify betrachtet. Viele Songs waren im Lauf der Jahre Nummer-eins-Hits, aber die meisten davon sind heute vergessen oder lösen eher Schaudern aus. Dagegen gibt es andere Lieder, die jeder kennt, die aber in den Hitparaden gar nicht oder nur auf den hinteren Plätzen zu finden waren. Was sind die zeitlosen Songs, die auch nach Jahrzehnten noch populär sind?

Um das herauszufinden, haben wir mithilfe von Spotify die beliebtesten Songs – nach Jahrzehnten gefiltert – aus den Streamingdaten der Plattform herausgesucht. Das Ergebnis ist eine „ewige“ Hitparade, die sich teilweise sehr von den Charts der damaligen Zeit unterscheidet

Dieser Mathematiker will für Macron ins Parlament

Die Zeit, 31.5.17

Was treibt einen Star der Wissenschaft in die Politik? Fragen an den Franzosen Cédric Villani

DIE ZEIT: Sie sind Frankreichs bekanntester Mathematiker, haben die Fields-Medaille gewonnen, quasi den Nobelpreis für Mathematik, und leiten das ehrwürdige Institut Henri Poincaré in Paris. Nun kandidieren Sie für die Partei von Emmanuel Macron bei der Parlamentswahl im Juni. Was bewegt einen Forscher zu diesem Schritt?

Cédric Villani: Ich bin seit Jahren politisch aktiv und trug schon lange die Idee mit mir herum, irgendwann tiefer in die Politik einzusteigen. Dennoch hätte ich noch vor zwei Monaten nicht gedacht, dass ich fürs Parlament kandidieren würde. Aber in der französischen Politik ist im Moment alles neu und überraschend

Wie empfinden wir Schönheit?

Die Zeit, 17.5.17

Das ästhetische Gefühl brauche Reflexion, schrieb Immanuel Kant. Psychologen haben ihn nun bestätigt.

Was passiert mit uns, wenn wir etwas schön finden? Wird da durch einen Reiz ein Reflex ausgelöst und unser Gehirn in Glückshormonen gebadet, wie etwa beim Sex oder beim Essen? Oder brauchen wir für das ästhetische Erleben höhere kognitive Funktionen? Für Immanuel Kant war der Fall klar: „Das Wohlgefallen am Schönen muss von der Reflexion über den Gegenstand abhängen; und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht“, schrieb er 1790 in der Kritik der Urteilskraft. Keine Schönheit ohne Denken also. Nun hätte man von dem verkopften Königsberger Philosophen wohl nichts anderes erwartet. Aber Psychologen von der New York University glauben jetzt, Kants These nach über 200 Jahren empirisch bewiesen zu haben